Warum wir öfter mal aktiv zur Arbeit kommen sollten

Bei vielen von uns geht es im Alltag eher bequem zu. Von A nach B kommen wir bevorzugt mit dem Auto, ihre Arbeit erledigen die meisten im Sitzen und in der Freizeit stehen Fernsehen und Abhängen mit Freunden hoch im Kurs.

Nach aktuellen Studien scheint unser sitzender Lebensstil ziemlich schädlich für unsere Gesundheit zu sein. Dabei könnten wir mit ein paar kleinen Änderungen schon viel bewirken. Wenn wir häufiger auf aktive Fortbewegung mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurückgreifen, ist das nicht nur gut für die Umwelt, sondern auch für unsere Gesundheit.

 

Wie ein aktiver Arbeitsweg unsere Gesundheit verbessert

In einer Vielzahl an Studien hat man herausgefunden, dass ein zusätzlicher Energieverbrauch von 955 Kilokalorien pro Woche, den wir durch Bewegung erzielen, die Gesundheit erheblich verbessern und das Sterberisiko senken kann. Dabei ist  es gar nicht so wichtig, ob wir diese Energie beim Sport oder bei Alltagsbewegungen wie der aktiven Fortbewegung verbrauchen.

Wie einfach es ist, schon mit normalem Gehen tatsächlich der eigenen Gesundheit etwas Gutes zu tun, machen folgende Zahlen deutlich. Wenn man von einer normalen Gehgeschwindigkeit von fünf Kilometern pro Stunde und einer relativ ebenen Strecke ausgeht, müsste man beispielsweise täglich lediglich eine Strecke von 1,9 Kilometer oder 22 Minuten hin und zurück an fünf Tagen pro Woche gehen, um diesen Energieverbrauch zu erreichen. Beispielsweise kann das der Weg zur Arbeit, zum Supermarkt oder zu Freunden sein.

Wer lieber das Fahrrad benutzt anstatt zu Fuß zu gehen, der kann sogar noch einfacher sein Leben verlängern. Geht man von einer gemütlichen Durchschnittsgeschwindigkeit von 16 Kilometern pro Stunde aus, wäre beispielsweise ein 11-minütiger Arbeitsweg schon vollkommen ausreichend. Beim Fahrradfahren hat man zudem noch den Vorteil, dass es etwas anstrengender ist. Damit wird gleichzeitig auch das Herz-Kreislauf-System trainiert.

 

Fit ins Büro

Gehen ist die häufigste und beliebteste körperliche Ertüchtigung. Und in der Tat ist sie die, die am allereinfachsten umzusetzen ist. Man braucht kein Equipment oder irgendeine Sporteinrichtung, kein Auto und muss nirgendwo Mitgliedsbeiträge zahlen. Egal, wie sportlich, dick oder dünn, alt oder jung man ist – gehen geht fast immer.

Für ältere Leute reicht ganz normales Gehen sogar schon aus, um auch das Herz-Kreislauf-System zu trainieren und die Fitness zu steigern. Doch selbst fitte und junge Personen können mit einem etwas höherem Tempo oder hügeligem Terrain durch bloßes Gehen ihre Fitness trainieren.

Wenn es um den Arbeitsweg geht, ist der Weg zu Fuß häufig nicht praktikabel, weil viele von uns einfach zu weit weg wohnen. Mit dem Fahrrad könnten aber deutlich mehr Arbeitnehmer täglich ins Büro kommen. Das ist sogar fast noch besser als gehen, da es unser Herz-Kreislauf-System stärker fordert. Am Morgen sorgt eine Runde Bewegung an der frischen Luft für den extra Wach-Kick. Nach der Arbeit können wir beim Fahrradfahren wunderbar abschalten und den Stress auf Arbeit lassen. Ich finde, allein aus diesen Gründen lohnt sich der aktive Arbeitsweg.

 

Ich würde ja gerne, aber…

Natürlich klingt das in der Theorie total super. In der Praxis finden wir dann jedoch häufig genug Gründe, warum wir nicht mit dem Fahrrad oder zu Fuß zur Arbeit kommen können. Von schlechtem Wetter über unsichere Fuß- und Radwege bis hin zu Zeitmangel ist alles dabei. Und einige Gründe sind sicherlich nicht von der Hand zu weisen. Viele sind aber einfach nur vorgeschoben, um unser Gewissen zu beruhigen.

Wenn der Arbeitsweg zu lang ist, kann man zumindest eine oder zwei Haltestellen früher aussteigen und den Rest des Weges zu Fuß gehen. Schlechtes Wetter gibt es eigentlich nicht, nur schlechte Kleidung. Das wussten schon unsere Mütter. Um mit dem Fahrrad möglichst sicher unterwegs zu sein, sind Helm und Licht bei Dunkelheit absolut Pflicht. Und wer jetzt sagt, dass er keine Zeit habe, um Wege aktiv zurückzulegen, der sollte sich kurz mal fragen, wie wichtig ihm oder ihr die eigene Gesundheit ist.

 

Regelmäßig das Auto stehenzulassen, um aktiv auf Arbeit, zu Freunden oder zum Einkaufen zu kommen, kann unsere Gesundheit entscheidend verbessern. Und das ganz im Nebenbei und an der frischen Luft. Also, wie viel aktive Fortbewegung findet in deinem Leben statt?

 

 

Studie

Shephard, R. J. (2008). Is Active Commuting the Answer to Population Health? Sports Medicine, 38(9), 751-758.

Warum Sitzen für mich ein so bewegendes Thema ist

 

In diesem allerersten Blogbeitrag soll es darum gehen, warum ich diesen Blog überhaupt schreibe und wie meine Beschäftigung mit dem Thema Sitzen meinen Blick auf unser Bewegungsverhalten verändert hat. Viel Spaß dabei!

 

Der moderne Mensch 2.0 bleibt sitzen

Mittlerweile scheint es fast so, als hätten wir uns zu einer ganz neuen Spezies entwickelt: vom Homo sapiens zum Homo sedentarius. Diesem Begriff läuft man immer häufiger über den Weg. Er ist genau treffend wie besorgniserregend. Aber was es damit überhaupt auf sich? Der Begriff Homo sedentarius setzt sich aus den lateinischen Wörtern für Mensch („homo“) und sitzen („sedere“) zusammen. Damit lässt sich der moderne Mensch 2.0 ganz hervorragend beschreiben. War das herausragende Merkmal des Homo sapiens noch die Vernunft (vom lateinischen Wort „sapiens“, was so viel heißt wie vernunftbegabt, verstehend, gescheit), so beschreibt den Durchschnittsbürger industrialisierter Gesellschaften nichts treffender als sein unstillbares Verlangen nach Bequemlichkeit, nach einem Leben in der Horizontalen, nach jeder verfügbaren Sitzgelegenheit.

 

Denn unser Leben ist voll von Beschäftigungen, denen wir im Sitzen nachgehen: ob im Auto, im Bus, im Büro, auf dem heimischen Sofa, im Kino oder mit Freunden in einer Bar. Nichts bestimmt unseren Alltag so sehr wie der Wechsel von einer Sitzgelegenheit zur nächsten. In öffentlichen Verkehrsmitteln buhlen wir um jeden freien Sitzplatz und verstehen jeden leeren Stuhl nicht nur als Einladung, sondern als direkte Aufforderung, es uns bequem zu machen.

 

Wie wir das Laufen verlernt haben

Zunächst einmal ist das natürlich nur eine Feststellung, eine Beschreibung unseres Lebensstils. Dabei könnte man sich jetzt denken, gut, wir sind eben einfach ganz schön faul, das ist ja kein Geheimnis, aber um dort hinzukommen, sind wir über uns selbst hinausgewachsen. Die klügsten Köpfe und kreativsten Geister haben zu einer technologischen Entwicklung geführt, die so rasant verlief, dass sich manchmal nicht einmal unsere Eltern damit zurechtfinden. Aber wie fortschrittlich ist eigentlich diese Weiterentwicklung zum Homo sedentarius oder ist das vielleicht sogar ein Rückschritt?

 

Vor 200.000 Jahren schrieben unsere frühen Vorfahren in den weiten Steppen Afrikas die ersten Sätze unserer Erfolgsgeschichte. Die berühmten Jäger und Sammler zogen als Nomaden durchs Land stets auf der Suche nach einem Platz zum Schlafen und ausreichend Nahrung. Ihre Leben war geprägt davon, sich von A nach B zu bewegen, Beute zu jagen und Beeren, Wurzeln oder anderen Pflanzen zu sammeln. Das heißt, ihr Leben fand vor allem auf zwei Beinen und nicht wie heutzutage auf vier Buchstaben statt. Vor etwa 15.000 Jahren wurden aus den nomadisch lebenden Jägern und Sammlern Ackerbauern und Viehzüchter mit festem Wohnsitz. Die Landwirtschaft hielt Einzug in die Geschichte des modernen Menschen. Doch auch zu dieser Zeit, war das Leben ein körperlich anstrengendes. Auf den Feldern und Weiden wurde tagtäglich Schritt um Schritt zurückgelegt und Kalorien um Kalorien verbrannt. Doch dann, vor gut 250 Jahren, einem Wimpernschlag in der Menschheitsgeschichte, veränderte die industrielle Revolution unser Leben so drastisch, dass von den früheren Athleten fast nur noch Couch-Potatos übrig sind. Bleibt noch immer die Frage: Fortschritt oder Rückschritt?

 

Sitzen wir uns krank?

Mit einem einfachen Entweder-Oder ist dieser Frage eigentlich nicht beizukommen. Dennoch möchte ich an dieser Stelle die Berechtigung dieser Frage betonen, die sich für viele vermutlich gar nicht erschließt. Schließlich fliegen wir zum Mond, bald vielleicht sogar zum Mars, wir heilen unzählige Krankheiten, fahren in Highspeed-Zügen durchs Land und teilen unser Wissen in den unbegrenzten Räumen des Internets. Wer könnte dabei auch nur eine Sekunde an Rückschritt denken?

 

Doch es gibt mindestens einen Aspekt, in dem wir unfassbar viel von unseren früher Vorfahren lernen können und das ist unser natürlicher Bewegungsdrang und der natürliche Umgang mit unserem Körper. Über fast 200.000 Jahre hat sich unser Körper an ein Leben in Bewegung angepasst und. Doch in unseren industrialisierten Gesellschaften ist körperliche Aktivität zur Nebensache geworden. Das führt zu einer enormen Fehlpassung zwischen unseren Genen und unserem Lebensstil. Die Selbstverständlichkeit, mit der Sitzen unser Leben bestimmt ist trügerisch, denn die gesundheitlichen Risiken von einem sitzenden Lebensstil sind enorm. Nicht umsonst war in einigen Magazinen zu lesen, dass Sitzen das neue Rauchen sei. Und tatsächlich scheint langes Sitzen mit den bedeutendsten Zivilisationskrankheiten unserer Zeit zusammenzuhängen und sogar unsere kostbare Lebenszeit zu verkürzen.

 

Wer schreibt hier eigentlich und warum?

Ich bin Vivien, promovierte Diplompsychologin mit einer ausgeprägten Leidenschaft für Sport und Bewegung. Nach meinem Psychologiestudium hat es mich direkt in die Forschung gezogen. Damit hatte mich seit jeher der Schreibtischstuhl fest im Griff. Konnte ich mir die Zeit während meines Studiums noch relativ frei einteilen und hier und da ein paar bewegungsreiche Unterbrechungen einbauen, wurde auch ich spätestens während meiner Promotion zum Homo sedentarius. Zwar schaffte ich es an den meisten Tagen nach der Arbeit noch, ein wenig Sport zu treiben, in Wahrheit beruhigte ich damit aber nur mein Gewissen.

 

Auf der Suche nach einem geeigneten Thema für meine Doktorarbeit kam ich dann das erste Mal mit dem Thema „Sitzen“ in Berührung. Ich war überrascht, wie schlecht Sitzen selbst für einigermaßen sportliche Menschen tatsächlich sein konnte. Und ich war auch überrascht, dass es erst so wenig Forschung und vor allem erst seit so kurzer Zeit Forschungsarbeiten in diesem Bereich gab. Von da an hat mich das Thema nicht mehr losgelassen und ist von einer rein beruflichen Beschäftigung zur Berufung geworden: Das Leben ist zu kostbar, um es auf den Sitzpolstern dieser Welt leichtfertig herzugeben. Unser Körper braucht Bewegung genauso sehr wie die Luft zum Atmen und die Nahrung zur Energieaufnahme. Kein anderes Grundbedürfnis behandeln wir so stiefmütterlich wie unseren natürlichen Drang nach Bewegung. Und genau deswegen schreibe ich diesen Blog, um meine Erfahrungen und mein Wissen zu teilen und ein wenig mehr Bewegung in unsere sitzende Gesellschaft zu bringen.

 

Mein erstes Buch

Ich habe übrigens auch ein Buch zum Thema „Sitzen“ geschrieben, welches im Juni 2017 in Deutschland herauskommt. Darin betrachte ich unsere Sitzgewohnheiten aus einer evolutionären Perspektive, zeige auf, warum wir überhaupt so viel sitzen und welche gesundheitlichen Folgen das für uns hat. Außerdem gebe ich auch jede Menge Anregungen, wie man aus der Sitzfalle kommt und seinen Alltag in Bewegung bringt. Die Vorbestellung läuft bereits 🙂